Stadtlesen zieht alljährlich durch 28 ausgewählte Städte und eröffnet damit dem Bücherlesen eine Bühne unter freiem Himmel bei freiem Eintritt. 2020 lautete das Thema Grenzen überwinden - Flucht und Migration. Mein Beitrag ist für das Finale in Berlin nominiert.

 

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StadtLesen 2020

Gewinnertext Wien

 

 

Der Umstand der verlorenen Heimat

 

Wir haben die Heimat verloren, aber ihre Zerrbilder schleppen wir mit uns herum, wenn wir in Gruppen ziellos durch die Stadt schlendern, an einer Straßenecke stehen, am Bahnhof die Zeit tot schlagen. Auch wenn es schon eine Weile her ist, dass ich ein Neuankömmling war, erkenne ich euch überall und sofort. Ich erkenne euch an der Resignation in eurem Schritt, an der schicksalsergebenen Haltung, an der Kapitulation im Blick. Der Flüchtling steht euch ins Gesicht geschrieben und in euren Augen spiegelt sich meine eigene Heimatlosigkeit.

Wir sind Kronzeugen unserer zerstörten Heimat und leiden darunter, doch wir murren nicht, wir jammern nicht, alle Tränen sind längst geweint. Nach den Gräueln des Gestern tun wir uns schwer mit dem Heute und wissen nichts von morgen. Ich, jünger an Jahren, doch als Flüchtling der Ältere, gebe mich souverän, als hätte ich Lösungen für jedes Problem parat, wenn das Handy aussetzt, das Essen fremd schmeckt, die Zimmerkollegen schnarchen und einer aufschreit im Schlaf und ein anderer weint, jede Nacht. Es sind die immer gleichen Geschichten, meine, eure, die der anderen, in denen das Wesentliche verschleiert und das Wichtige ungesagt bleibt. Mag sein, dieser Anschein und Unterton wird nur für uns deutlich, die wir alle so reden und alle so hören und alle so fühlen, weil wir dem gleichen Umstand zum Opfer gefallen sind, dem Umstand der verlorenen Heimat.

 

 

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