„Here we are“, sagte der Fahrer und drehte sich mit aufmunterndem Augenzwinkern zu mir um.

„Here?“, fragte ich ungläubig.

„Yes“, bekräftigte er, „Hvítarbrú.“ Der Bus hielt an, die Tür öffnete sich mit leisem Fauchen.

„Are you sure?“ Ich schaute ungläubig durch die regennassen Scheiben. Vor vier Stunden hatte mich der Flughafenbus vom hypermodernen Airport Keflavík nach Reykjavik gebracht. Gut, die dreißig Kilometer ungastliche Einsamkeit bis Reykjavik zwischen schwarzen Lavafeldern links und rechts hatten mich irritiert, um nicht zu sagen abgeschreckt, aber immerhin wurden da keine Passagiere ausgesetzt. Am Zentralen Busbahnhof, der dem Flughafen an Fortschrittlichkeit und Geschäftigkeit in nichts nachstand, war ich nach einigem Suchen und Fragen in diesen Bus gestiegen. Er war technisch auf dem neuesten Stand, soweit ich das beurteilen konnte, wenn auch hochbeiniger als die städtischen, die ich gewohnt war. Und das hier sollte eine offizielle Haltestelle, auf der Fahrzeuge Linie Reykjavik – Akureyri sein? Hier war doch das absolute Nirgendwo. Kein Dorf, kein Haus, kein Mensch, nicht einmal ein Wartehäuschen. So weit das Auge reichte nur regenverhangene Landschaft ohne Baum und Strauch. Ein heftiger Wind zerrte am schütteren Grasbewuchs der Straßenränder und an den hellen und dunklen Wollbüscheln, von denen ich nicht wusste, wie sie an die Stacheldrahtzäune gekommen waren. Letztere und das kurvige Asphaltband der Ringstraße waren die einzigen Zeichen menschlicher Zivilisation weit und breit.

„Very sure!“, versicherte der Mann und deutete mit ermutigendem Lächeln auf eine schmale Schotterpiste, die von der Hauptstraße abzweigte. „You know, my niece ...“

„Yes, yes, thank you and good bye“, sagte ich rasch und stieg aus. Der sehr kommunikative Mann hatte mir schon bei der Fahrscheinkontrolle empfohlen, in Hvítarbrú auszusteigen, von da sei es keine zwanzig Minuten bis zu meinem Ziel. Er kenne sich in der Gegend aus, seine Lieblingsnichte wohne im selben Tal. Wenn ich die folgenden wortreichen Erklärungen richtig verstanden hatte, waren sie und ihr Mann Schaf- und Pferdezüchter auf dem Hof eines Großvaters, aber eigentlich arbeiteten sie beim isländischen Fernsehen. Das sei normal, redete er ohne Punkt und Komma weiter, in Island habe jeder zwei oder drei Jobs, seine Nichte zum Beispiel schreibe außerdem fürs Morgunblađiđ, die größte Tageszeitung des Landes, sie sei eine wahnsinnig intelligente Frau, nur mit dem Kindersegen wolle es einfach nicht klappen, wahrscheinlich die Hormone ... und so weiter und so weiter. Am Ende wusste ich mehr über diese wildfremde Busfahrer-Nichte als über meine eigene Schwester.

Ach ja, die Schwester ... Ich spürte meine Augenlider flattern und konzentrierte mich auf den einzigen Fixpunkt in der Nähe: ein Schild mit der kaum leserlichen Aufschrift Hvítarbrú.

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