Die Dimensionen sind

Die Dimensionen sind es nicht, die Nürnberg zu einer Stadt für Findige machen. Zwischen Flughafen und dem südlichen Stadtrand Langwasser liegen gerade mal dreißig U-Bahn-Minuten, in derselben Zeit ist die Altstadt von West nach Ost fußläufig durchquert. Wer von Süden nach Norden geht, wird etwas länger brauchen, weil er den Burgberg erklimmen muss. Spontan hat man den Eindruck von RitterSport, quadratisch, praktisch, gut. Oder besser gesagt: historisch, typisch, süß. Auf der Suche nach den Anschriften potentieller Traumobjekte kreuzt man auf Rädern, auf Schienen und per pedes in allen Himmelsrichtungen durch die Nürnberger Stadtteile. Das ist Annäherung an die Stadt, ist Erstkontakt und Tuchfühlung auf Armeslänge und Schuhsohlen. Sicherlich, wie so oft steckt der Teufel im Detail. In diesem Fall in den Stadtentwicklungsprojekten vergangener Jahrhunderte. Die Nachwehen gleichen einem Irrgarten, einem Labyrinth, einem Dschungel und obendrein liegen Stolpersteine zuhauf herum.

Da muss man sich ja verirren!

Wehe dem Ortsunkundigen, der ohne digitale Navigation unterwegs ist. Wehe dem, der sich altmodisch anhand des Stadtplans aus der Tourist-Information orientieren will. Sicher, im Fachhandel gäbe es besseres und ausführlicheres Kartenmaterial, aber wozu, man ist schließlich mit einem Einheimischen unterwegs. Ihm kann man die Suche nach einer bestimmten Adresse getrost überlassen.

Da täuscht man sich gewaltig!

Selbst der Superweise findet sich nicht immer zurecht. Dabei ist er hier aufgewachsen, wenn auch – zu seiner Ehre sei’s gesagt – danach jahrzehntelang nur seltener Gast in seiner Herkunftsstadt.

Stolperstein Nummer eins: Die Straßennamen klingen zum Verwechseln ähnlich. Da scheinen die Nürnberger wenig kreativ zu sein. Viele unterscheiden sich nur durch die Zusätze – oder eher Vor-Wörter, da sie den eigentlichen Namen vorangestellt sind – wie

- Innere Cramer-Klett-Straße und Äußere Cramer-Klett-Straße,

- Obere Krämersgasse und Untere Krämersgasse,

- Vordere Cramergasse und Hintere Cramergasse.

Wie soll man die auseinanderhalten?

Überhaupt fällt eine starke Tendenz zu mehrwörterigen Bezeichnungen auf. Um nicht zu sagen, es gibt eine Flut davon, die die Synapsen zum Glühen bringt. Ist das nur eine Vermutung, ein Vorurteil, ein Gefühl? Oder ist man schon so verpeilt, dass es an Durchblick mangelt?

Ein Faktencheck ist fällig und kein Problem, dem Internet sei Dank.

Insgesamt sind 3259 Straßennamen gelistet, davon 229 mit solchen Vor-Wörtern und zwar (in ansteigender Reihenfolge):

- 3 x Mittlere,

- je 6 x Innere und Vordere,

- 8 x Hintere,

- je 9 x Äußere und Bei oder Beim,

- 15 x Zum oder Zur,

- 17 x Untere,

- 18 x Obere,

- 19 x Im oder In,

- 119 x Am oder An.

Sage und schreibe 119-mal Am oder An!

Nach dieser überaus erstaunlichen Ausbeute muss ein vergleichender Blick nach Wien erlaubt sein, eine kleine Stichprobe nur: Bei mehr als doppelt so vielen Straßen (in der flächenmäßig dreimal so großen Stadt, allein das ist schon eine vielsagende Feststellung) kommt in den Namen Am oder An nicht doppelt so häufig vor, sondern viel weniger, nämlich nur 90-mal!

Da erübrigt sich jeder Kommentar.

Stolperstein Nummer zwei ist eine gewisse Unlogik des Straßennetzes. Zum Beispiel: Will man zu Fuß vom Hauptverkehrsknotenpunkt Plärrer stadteinwärts, nimmt man die Ludwigsstraße und gelangt so auf den geräumigen Jakobsplatz. Dieser geht unbemerkt und nahtlos in den Ludwigsplatz über, der allerdings wenig Platzartiges hat und seinerseits zum Josephsplatz wird, der erst recht mehr Straße als Platz ist und von dem kurz vor seinem Ende der endgültig straßenartige Hefnersplatz abzweigt.

Ein Dschungel, wie gesagt. Undurchdringlich.

Vergeblich sucht man einen Anhaltspunkt, wo der eigene Standort gerade ist, aber kein Durchblick beim Woher und Wohin. Wie auch? Straßen sind nur am Anfang und Ende beschildert und Plätze nach einem unerforschlichen System durchnummeriert. Auf der Suche nach einer bestimmten Adresse ist man schon nach wenigen Metern völlig verloren und wünscht sich verzweifelt nach Wien, wo auf jeder Hausnummerntafel der Straßenname steht. Selten so geschätzt.

Stolperstein Nummer drei ist die Unübersichtlichkeit in der Benennung. Ein Beispiel: Durch das Westtor, das gar kein Tor mehr ist, führt die Mohrengasse, weil es früher Mohrentor hieß, und der immer noch existierende Mohrenturm ist jetzt der Turm der Sinne. (Okay, das ist die modische Umbenennung für ein „interaktives Hands-on-Museum zum Erleben, Staunen und Be-greifen“, ein pädagogisch wertvoller taktiler Selbsterfahrungstrip für Schulklassen, Kindergärten und Sonntagnachmittagsfamilienausflüge.) Das Hallertor ist die nächste westliche Einflugschneise in die Altstadt. Naheliegend also, dass die daneben liegende Brücke über die Pegnitz Hallertorbrücke heißt, aber wie erklärt man sich, dass die Straße darüber der Westtorgraben ist?

Richtig deutlich wird der Wirrwarr dieses Irrgartens aus der Vogelperspektive. Also wieder abheben per Google maps und auszoomen. In der Draufsicht wird offensichtlich, dass die Altstadt und deren nähere Umgebung ein gewachsenes Gefüge ist, kein am Reißbrett entstandener Stadtteil neueren Datums, wie zum Beispiel Langwasser mit seinem Netz aus übersichtlich und geradlinig und im Halbkreis angelegten Hauptstraßen, Stichstraßen, Sackgassen, Grün- und Parkflächen, sondern das Ergebnis wechselvoller Geschichte, bedarfsgerecht und nach und nach entstanden, zwischendurch abgebrannt, bombardiert, zerstört, wieder aufgebaut nach alten Plänen.

Und in Summe gerade deshalb so sympathisch.