Im Nachhinein ist man immer klüger

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Der Paul in seinem neu entdeckten Element betreibt Studien im Supermarkt und auf dem Wochenmarkt, vergleicht Obst und Gemüse, zum Beispiel Blumenkohl, riesige Köpfe in strahlendem Weiß, hier wie da, decken sich vermutlich bei denselben Großhändlern ein, auch preislich kein großer Unterschied. Dagegen krass, der Bio-Blumenkohl viel kleiner und aschfahl, du könntest fast sagen totenblass, auch alle andere Produkte mit einem Hang zum Negativen, Mittelmäßigen, Gewöhnlichen, die Äpfel schrumpeliger, der Salat sandiger, die Kartoffeln kleiner, sogar die Hühner schlechter gerupft, der Paul versteht zwar nichts von Fleisch im Rohzustand, dafür umso mehr von gekochtem, gebratenem, gedünstetem und gegrilltem Fleisch, doch die Federkiele in der Haut kann ein Blinder nicht übersehen. Dafür die Preise unverhältnismäßig hoch, der reinste Wucher, vielleicht zum Ausgleich für fehlende Ausstrahlung. Pauls Fazit: Bio ist grundsätzlich mickriger, unansehnlicher und teurer.

Mit diesem Wissen taucht er schließlich auch in dem vormals von der Emma stark frequentierten Hofladen in Schaan auf. Der Bauer Gantner bietet Fleisch aus eigener Schlachtung und saisonales Obst und Gemüse an. Und genau da die Überraschung, geht’s noch: Obst und Gemüse sehen blendend aus! Wie macht der das, dass seine Bio-Ware aussieht wie konservativ erzeugte Großmarktware, das ist die Frage.

„Bio verträgt den Transport nicht, das Ein- und Auspacken, das Gerüttel und Geschüttel auf der Fahrt, da leidet es innerlich und äußerlich“, erklärt er. „Bei mir direkt vom Feld in den Laden und zum Kunden, sehr viel schonender für die Produkte, und die danken es mir.“

„Danken? Gemüse dankt?“ Der Paul hat seine Zweifel, das sind ja direkt menschliche Züge, und was für edle.

„Aber ja, das Obst auch und alles“, nickt der Gantner, „mit Vitalität, mit Gesundheit, mit gutem Aussehen.“

„Ist das nicht zu weit hergeholt?“

„Auf gar keinen Fall“, beteuert der Bio-Meister, „auch die Rübe hat eine Seele.“

Also davon hat der Paul noch nie gehört, das ist grüne Esoterik, nichts anderes. Man kann’s auch übertreiben mit der Bodenkultur bis hin zu vegetabilem Okkultismus, keine Ahnung, was er davon halten soll. Klappern gehört zwar zum Geschäft, das schon, aber Rübe mit Seele, also ihm ist das definitiv zu metaphysisch.

Die Rübenseele ist das eine, was den Paul ernsthaft zweifeln lässt an den Gantnerschen Ökotugenden. Das andere sind die Aussagen der anderen Bio-Bauern, von denen, wie der Paul herausgefunden hat, es überraschend viele in der Gegend gibt, in Nendeln, in Schaan, in Vaduz. Die kennen sich untereinander und auch den Gantner, ein Spinner sei er, aber geschäftstüchtig, das müsse man ihm lassen, sein Hofladen gehe gut. Dagegen das Vorhandensein von Seele in Obst und Gemüse können sie nicht bestätigen, ihre Philosophie ist eine andere: Die Natur nutzen statt ausbeuten und die Landschaft pflegen zum Wohle zukünftiger Generationen, das ist ihnen wichtig und sie freuen sich stets über interessierte Kunden und ob er noch Fragen habe?

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