Wer anderen eine Grube gräbt


Sehr gastfreundlich ist das nicht, was der Paul vorhat, sonst bei Gott nicht seine Art, normalerweise sind Gäste bei ihm König, gern gesehen und herzlich willkommen, dürfen sich frei bewegen, weder Rauch- noch Trinkverbot, alle Annehmlichkeiten inklusive, vom eigenen Bad über Mitbenutzung der perfekt eingerichteten Küche und mehrerer Sonnenterrassen. Nur zwei winzige Einschränkungen. Erstens seine Morgenruhe, die ist ihm heilig und dauert bis Mittag, mindestens, hat extra sein Schlafzimmer in den Anbau verlegt, da ist er weit vom Schuss und ungestört. Zweitens, seinen Morgenkaffee trinkt er im Café, allein, wohlgemerkt, hellwachen Anhang verträgt er um diese Tageszeit noch nicht. Halten sich alle daran, die meisten jedenfalls, die Elvira eine besonders angenehme Zeitgenossin, kommt nicht vor Mittag aus ihrem Zimmer, in der Hinsicht kann der Paul nicht klagen, dafür sonst, und wie.


Die Elvira kennt er von seinen Griechenlandreisen, schon ein paar Jahre her, sie ist das, was man eine flüchtige Urlaubsbekanntschaft nennt, eine attraktive Frau, interessante Gesichtszüge, angenehmes Wesen, nur beste Erinnerungen an sie und er hat sich auf den Besuch gefreut, ehrlich. Dass ausgerechnet die Elvira innerhalb weniger Tage so viel Wut zu Mordphantasien gesteigert, jede Nacht mehr, so lange bis er tatsächlich zur Tat schreitet, das hat er sich selbst nicht zugetraut. Ist auch kein geborener Giftmischer, das merkt er selbst, einem Profi zittern die Hände nicht, nur weil er eine Prise Ratron-Power unters Baharat mischt – was ist das überhaupt, aha, persische Gewürzmischung – und ein paar Tropfen Finalsan-Plus ins Tomaten-Brombeer-Chutney rührt.


Hat aber keine Wahl, der Paul, gerechter Zorn hat das Sagen, verlangt Abrechnung, erzwingt Vergeltung, buchstäblich Zahn um Zahn, Strafe muss sein, und nachhaltig, das unbedingt, sonst kann er sich den Zorn und die Heimtücke und das Zittern ja sparen. Die Absicht ist klar, eine Offensive gegen Vertreter einer perversen Ökotrophologie, nie mehr Kommen ihm Ernährungsexperten ins Haus, schon gar nicht derart penetrant missionierende, auf solchen Besuch verzichtet er liebend gern, alle anderen sind immer noch herzlich willkommen, logisch.


Also das wird jeder bestätigen, der Paul hat ein großes Herz für seine Gäste, manchmal zu groß, mit Abstand betrachtet sind nämlich nicht wenige scham- und gewissenlos genug seine Gastfreundschaft auszunutzen bis zum Geht-nicht-mehr, was er in seiner angeborenen Gutmütigkeit gar nicht merkt und wenn, niemals zugeben würde. Da sind die Künstlerfreunde, die veranstalten bei ihm ihre Lehrgänge, und nicht nur, dass er ihnen sein Atelier zur Verfügung stellt mit allem Zubehör von Staffelei bis Toilette, nein, er nimmt auch selbst daran teil, als voll zahlender Seminarist, versteht sich, will ihnen unter die Arme greifen, Kollegensponsoring nennt er das. Keine Ahnung, wie oft er schon Aktzeichnen gebucht hat, hält ihn in Übung, behauptet er, und abgesehen davon, manchmal sehr ansehnliche Modelle, der Anblick entschädigt, das lässt er sich gern was kosten.

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