Kapitel 4


27.Oktober 1987

Mein liebes Kind,

so niedlich bist du, wie du in deinem Bettchen liegst und selig schläfst. Ich schaue dich an, du hast Haare wie Seide, so dunkel wie meine, ein feines Gesichtchen, ich merke es mir für immer, mein süßes Mädchen. Noch darf ich dich so nennen. Noch bist du mein Kind. Noch habe ich die Papiere nicht unterschrieben. Du bist fünf Tage alt und ich habe dich Danica genannt, das bedeutet heller Morgen. Ich hoffe und wünsche, dass dich dieser Name wie ein gutes Zeichen durchs Leben begleitet.

Ohne mich. Denn ich werde nicht da sein, so sehr ich das möchte. Ich habe dich im falschen Moment bekommen: Ich bin im Ausland, ganz allein, arbeitslos. Meine Zukunft steht in den Sternen, ich habe keine Ahnung, wo ich leben werde, wann ich einen Job finde, wie soll ich da für dich, für ein Kind da sein? Deswegen kann ich dich nicht bei mir behalten, so weh es tut. Bevor man eine gute Mutter sein kann, muss man seine eigenen Angelegenheiten ordnen, seinen Alltag regeln, sein Leben im Griff haben. Soweit ich auch nach vorn schaue – da ist kein Licht am Ende des Tunnels. Nicht für mich, nicht für dich, schon gar nicht für uns beide. Zusammen haben wir keine Chance, keine Möglichkeit, keine Perspektive, darum habe ich keine andere Wahl, als so zu entscheiden und die Papiere zu unterschreiben.

Ich hoffe so sehr, du bekommst Eltern, die dir ein glückliches Leben bieten und dich liebhaben wie ihr eigenes Kind und ich bete, dass du eines Tages verstehen wirst, dass ich nur versucht habe, das Beste für dich zu tun.

Deine Noch-Mama Emilija


Kapitel 5


Der Brief hat sie geflasht! Kein Wunder, wenn so ein Sprengsatz im eigenen Leben explodiert. Keine Ahnung, wie oft sie diese Zeilen gelesen hat, bis sie wenigstens den ungefähren Sinn begriffen hat. Aber dann, wie seltsam, wird aus dem Schock ziemlich schnell Verblüffung. Verblüffung darüber, dass ihr der Inhalt nicht total fremd ist. Zum Beispiel der Satz vom fehlenden Licht am Ende des Tunnels, der war immer Teil der Erklärung ihrer Eltern, warum ihre erste Mutter sie zur Adoption freigeben musste. Sie sei wahrscheinlich allein auf sich gestellt gewesen, sie habe nicht gewusst, wie sie das Kind durchbringen soll, sie habe keine Zukunftsperspektive gehabt und deshalb Eltern gesucht, die das Kind liebhaben und ihm ein gutes Leben bieten können.

Der Inhalt kann es also nicht sein, der sie aus der Fassung bringt. Warum dann der Schock? Vielleicht weil die Briefe tatsächlich angekommen sind. Wer rechnet denn damit? Unglaublich, dass dieses Blatt hier vor ihr liegt. Nach so langer Zeit punktgenau bei ihr gelandet ist. Warum gerade jetzt? Wieso, weshalb, wozu? Grübel-Stoff ohne Ende. Was sie am meisten irre macht, ist das: Von einer Sekunde auf die andere hat sich ihr Ich-Wissen quasi in die Vergangenheit verlängert. Wie schräg ist das denn: Sechzehn Jahre lang hat ihr Leben und alles was sie darüber weiß mit dem Ankunftstag in dieser Familie begonnen – und nun sind die elf Tage davor plötzlich kein Schwarzes Loch mehr, nein, sie haben sich materialisiert, brieflich, quasi schwarz-auf-weiß.

Hardcore! Und das Startsignal für das Karussell im Kopf.

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